Wahrheit im Rückspiegel: Mit Sherif und Bryan Adams nach Garden City

«Sie sind schnell», sage ich. Gerade mal vor einer Minute habe ich den Uber bestellt. «Ich habe auf Sie gewartet», scherzt der Fahrer. Scherif trägt eine Galabeya, aus den Lautsprechern der Musikanlage erklingt «(Everything I do) I do it for you». Egal, wo auf der Welt ich bin, es läuft immer irgendwo Bryan Adams, ob in Vietnam, Rumänien oder eben Kairo.


Ich lausche dem Songtext, der viel einfacher ist, als ich ihn in Erinnerung habe, und denke: Eigentlich könnte man «you» mit «Allah» ersetzen. Oder «Gott». «Allah» ist naheliegender, weil «Allah» halt sehr präsent ist hier. In jedem Wort, Elhamdulillah. Klanglich passt das natürlich nicht – «everything I do, I do it for Allah», aber inhaltlich schon. Einzig bei «I lie for you» zögere ich. Für Gott zu lügen, macht irgendwie keinen Sinn. Gott ist ja nicht eitel und hat auch keine Unterstützung nötig.


Das Auto verfügt über keine Klimaanlage. Über dem Armaturenbrett hängt ein Duftbäumchen. Mir wird etwas schwindelig. Ich frage ChatGPT, ob er mir Beispiele aus der Bibel und dem Koran nennen könne, wo jemand für Gott gelogen habe.
Also ja, es gibt sowohl in der Bibel als auch im Koran solche Erzählungen, wo jemand lügt, um entweder sich oder jemand anderen zu schützen oder seinen Glauben zu verbergen.
Mittlerweile sind wir bei Annie Lennox angelangt. Meine Baseballcap verdeckt meine Augen, aber mir scheint, dass Sherif im Rückspiegel meinen Blick sucht. Ich will jetzt lieber noch ein bisschen über Gott nachdenken, anstatt mich zu unterhalten. Ich kann ihn ja nicht gleich mit theologischen Fragen überfahren, als ob ich gerade ein Praktikum im Dar al-Ifta machte.


Das Dar al-Ifta ist die staatliche Stelle, an die sich Muslime mit religiösen Fragen wenden können – von komplizierten theologischen Problemen bis hin zu ganz praktischen Alltagsfragen. Eine Bekannte erzählte mir kürzlich, dass sie auf der Behörde anrief, um sich zu erkundigen, ob sie denn nun während ihrer Menstruation beten dürfe oder nicht. Die Antwort lautet: Nein. Sie darf keines der fünf täglichen Pflichtgebete verrichten. Auf die ausführliche Antwort verzichte ich an dieser Stelle. Das nur zur praktischen Erläuterung, wie man sich die Arbeit der Behörde vorstellen kann, denn natürlich erlauben sich junge Menschen auch mal ein kleines Spässchen, um die Gutachter zu ärgern.

Zurück zu meiner Frage. Wahrheit ist für mich das oberste göttliche Prinzip, gleichzusetzen mit der Liebe. Dieses Prinzip ist absolut. Eine Lüge wird also immer entlarvt. Es ist oft nur eine Frage der Zeit, bis die Wahrheit siegt; manchmal dauert es etwas länger. Manchmal Jahrhunderte. Und oft geht sie wieder vergessen, man betrachte beispielsweise die Pyramiden. Aber Gott hat Geduld.


Immanuel Kant vertritt in seinem Aufsatz «Über ein vermeintliches Recht, aus Menschenliebe zu lügen» aus dem Jahr 1797 die Haltung, dass Lügen niemals gerechtfertigt ist. Lügen sei in jedem Fall falsch, da die Wahrheit die Grundlage von Sprache und Vertrauen darstelle und die Lüge diese Basis des Zusammenlebens zerstöre. Im Extremfall dürfe man auch einen Mörder, der sein Opfer suche, nicht belügen, da ein Mensch nur für seine Taten verantwortlich sei und eine Lüge unvorhersehbare Folgen haben könne.


Natürlich würde ich jemanden, der an Leib und Leben bedroht ist, ohne lange nachzudenken verstecken. Mir scheint, das ist eine Art Reflex, das Leben schützen zu wollen. Das Leben selbst ist die Manifestation der Wahrheit. Kann sich Wahrheit denn auch in einem nicht-lebendigen Zustand ausdrücken? Eine mathematische Formel atmet jetzt nicht direkt…


Jetzt ist mir schwindelig. Meine Wangen glühen. Zu meiner Rechten ziehen Läden mit medizinischen Hilfsmitteln wie Rollstühlen vorbei. An einer Ampel kommen wir zum Stehen. Jeder vernünftige Mensch hätte längst darum gebeten, ein bisschen das Fenster zu öffnen, wohl wissend, dass die hereinströmende Luft auch nicht kühler sein wird – oder er hätte um eine andere Musikwahl gebeten. Aber ich hätte es nicht übers Herz gebracht, Sherif zu verletzen. Und Bryan Adams war ja auch wirklich gut.